Die Cannabisprohibition ist rassistisch – Ein Plädoyer 

Jun 5, 2020 | Geschichte

Im Moment gehen jeden Tag neue Bilder von Demonstrationen um den Globus. Auf der ganzen Welt gehen Menschen auf die Straßen und demonstrieren friedlich gegen Rassismus und Polizeigewalt, während andere lieber online ihre unqualifizierte Meinung dazu abgeben oder die Ausschreitungen anstacheln. Wir bleiben lieber bei den Fakten, denn so können wir außerhalb von Meinungen und Überzeugungen agieren und uns auf die Tatsachen fokussieren. Tatsache ist: Rassismus ist allgegenwärtig und ein Teil unserer Geschichte. Viele internationale, richtungsweisende Geschehnisse basieren auf Rassismus und ihn zu ignorieren oder einfach zu verharmlosen ist sinnlos. Im Laufe der Zeit habt Ihr vielleicht schon einmal gehört oder gelesen, dass sogar die Cannabisprohibition als rassistisch beschrieben wird. Und es stimmt tatsächlich, dass Cannabis gerade in den USA nicht zum Wohle der Volksgesundheit, sondern einzig und allein aus rassistischen und egoistischen Motiven einiger weniger verboten wurde. Damals wie heute sind es wenige, die die Prohibition weiter vorantreiben und viele, die es geschehen lassen. Aber alles der Reihe nach. Schlagen wir das Geschichtsbuch auf.

Die Ursprünge der Prohibition: Rassismus

Wenn man sich den Anfang der Cannabisprohibition in den Vereinigten Staaten von Amerika ansieht, wird man schnell feststellen, dass Cannabis als Droge vor allem von Minderheiten der Gesellschaft konsumiert wurde. Das Kraut der Cannabispflanze war in der Jazz-Szene weit verbreitet und diese Szene war historisch ein Treffpunkt für Afroamerikaner, aber auch für junge Weiße, die nichts von der Tradition ihrer Eltern hielten. So kam es schnell, wie es kommen musste: (Weißen) Männern wie Harry Anslinger missfiel es sehr, dass „weiße Frauen die sexuelle Beziehung zu Negern suchen“(Originalzitat Harry Anslinger). Sie gaben der Droge die Schuld daran und meinten fortan, Cannabis wäre dafür verantwortlich, dass Männer wie Frauen zu leichtsinnigen, unkontrollierten Monstern werden, nachdem sie einen einzigen Puff einer Cannabiszigarette genommen hatten. Viele dieser haarsträubenden Lügen über Cannabis, die in dieser Zeit zur Stimmungsmache in den USA genutzt wurden, sind noch heute gut dokumentiert, da sie regelmäßig in Zeitungen und sogar im Kino veröffentlicht wurden (um maximale Reichweite zu erzielen). Wir erinnern uns nur an „Reefer Madness“… 

Wie dem auch sei. In der Jazz-Szene war die Cannabisblüte als „Reefer“ bekannt und es wurden zahlreiche Hits über diese Pflanze und mit diesem Begriff geschrieben. Ein bekanntes Beispiel ist der Song „Reefer Man“ (https://youtu.be/svoSSdsNhtA). Da die Jazz-Szene generell eher von der schwarzen Community lebte, war der im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts allgegenwärtige Rassismus natürlich nie weit weg. Harry Anslinger und sein Büro nahmen die Ängste der weißen Bevölkerung wahr und fütterten sie mit gezielter Misinformation, bis letztlich alle so viel Angst vor der Pflanze hatten, das sie sie verboten sehen wollte. 

Doch die afroamerikanische Bevölkerung war nicht das einzige Ziel des Rassismus der damaligen Zeit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen viele Menschen aus Mexiko in die USA, um dort Arbeit zu finden und sich ein neues Leben aufzubauen. Sie glaubten an den amerikanischen Traum. Aber den gibt es eben nur für weiße Menschen. Also griff auch hier der Rassismus der Gesellschaft. Doch Mexikaner hatten, anders als die Alkohol-liebenden Amerikaner, ein Kraut aus ihrem Heimatland mitgebracht, welches sie gerne in ihren Arbeiter-Kommunen durch die Runde gehen ließen: Cannabisblüten. Und hier kommt auch der Begriff „Marijuana“ her, denn er ist ursprünglich eine Bezeichnung der mexikanischen Community für das, was die Jazz-Community als „Reefer“ bezeichnete. Das mochte man in der damaligen Gesellschaft nicht gerne sehen, und so wurde die Pflanze, die als Cannabis Indica in jeder westlichen Apotheke verkauft und von der Gesellschaft geliebt wurde, wurde als „MariJuana“ verboten. (das J, um es noch fremder klingen zu lassen). Cannabis als Tinktur, als Medizin war weit verbreitet. Doch dieses fremdartige MariJuana? Davon hatten die Leute noch nie etwas gehört und bekamen verständlicherweise Angst. Die Zeitungsartikel, die über grausame Morde berichteten, die angeblich unter der Wirkung von Marijuana begangen worden waren, taten ihr restliches zum Schüren der rassistischen Denkweise. Cannabis wurde letztendlich 1937 verboten. 

Richard Nixon und sein rassistischer War on Drugs

Wir wissen also, wie Rassismus zur Cannabisprohibition geführt hat. Dieses Wissen alleine schmerzt genug, da nun glasklar geworden ist, dass Gesundheitsschutz nie eine Rolle dabei gespielt hat, doch es geht natürlich noch viel weiter. Denn: erst in den 1970er Jahren wurde das Cannabisverbot zu einem weltweiten Krieg gegen die Drogen. Genauer gesagt war es der Präsident Richard Nixon (ja genau, der Präsident, der beim Lügen zu Watergate überführt und beinahe gefeuert worden wäre) der dafür sorgte, dass Cannabis zum Staatsfeind Nummer 1 gemacht wurde. Zusammen mit Heroin wurde es zur meist bekämpften Substanz dieser Erde, und das zu einer Zeit, in der die Hippies gerade erst Woodstock gefeiert hatten. Doch wo kommt hier Rassismus ins Spiel? Nun, mittlerweile ist bekannt und aufgedeckt, dass es sich bei diesem War on Drugs speziell um einen taktischen Schachzug handelte, um die Regierungskritiker besser in den Griff zu bekommen. Wir beziehen uns hier auf ein Interview mit dem Nixon-Adjudanten John Ehrlichman, bei dem der ehemalige Helfer des Präsidenten Folgendes zugab: 

„Die Nixon-Kampagne 1968 und das Nixon-Weiße Haus danach hatten zwei Feinde: die Antikriegslinke und die Schwarzen. Verstehen Sie, was ich sage? Wir wussten, dass wir es nicht illegal machen konnten, entweder gegen den Krieg oder Schwarz zu sein, aber indem wir die Öffentlichkeit dazu brachten, die Hippies mit Marijuana und Schwarze mit Heroin in Verbindung zu setzen, und dann beides stark kriminalisierten, konnten wir diese Gemeinschaften stören. Wir konnten ihre Anführer verhaften, ihre Häuser plündern, ihre Versammlungen auflösen und sie Nacht für Nacht in den Abendnachrichten verunglimpfen. Wussten wir, dass wir über die Drogen lügen? Natürlich wussten wir das.“

Punkt. Satz. Sieg. Rassismus, wie er im Wörterbuch steht. 

Bald 100 Jahre später – Immer noch Rassismus pur 

Es ist nur verständlich, an dieser Stelle ein wenig sprachlos dazusitzen und diese Fakten erst einmal sacken zu lassen. Es ist wirklich eine absolute Sauerei, was damals passiert ist. Und es ist eine noch größere Sauerei, dass heute immer noch dieses rassistische Verbot aus einem anderen Jahrhundert Tausende wenn nicht Millionen von Menschen in die Kriminalität zwingt. Wer nämlich denkt, heute sei es besser, irrt leider gewaltig. 

In den USA gibt es immer noch eine sehr deutliche Tendenz zum Rassismus, auch bei Cannabisdelikten. Obwohl es heute wohl offenkundig ist, dass man niemanden aufgrund seiner Hautfarbe anders behandelt, zeigen die Kriminalitätsstatistiken der USA leider eine andere Realität. Denn: Obwohl der Marihuanakonsum bei Schwarzen und Weißen etwa gleich hoch ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Schwarze wegen Besitzes verhaftet werden, 3,73 Mal so hoch! Die Hautfarbe entscheidet also IMMER NOCH, wer ins Gefängnis geht und wer nicht. Auch ist der Umgang mit schwarzen Cannabisstraftätern harscher als für alle anderen. Während gerade jugendliche Weiße oft nur eine Warnung bekommen, wird bei schwarzen Tätern mit denselben Anschuldigungen häufiger ein Urteil gefällt. Es ist eine absolute Frechheit. 

Fazit: Rassismus begründete die Cannabisprohibition

Die Fakten liegen also wieder einmal auf dem Tisch. Sie wurden auch in Büchern wie beispielsweise „Drogen – die Geschichte eines langen Krieges“ von Johann Hari aufgearbeitet und in Kontext gestellt. Dennoch ist die gängige Meinung, das Cannabisverbot schütze die Gesundheit. Wir uns Ihr wissen jetzt einmal mehr, dass das nicht der Grund ist. Der Grund ist – und bleibt leider – Rassismus. 

Quelle:
https://qz.com/645990/nixon-advisor-we-created-the-war-on-drugs-to-criminalize-black-people-and-the-anti-war-left/amp/